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Uljana Wolf: „Schreiben und Übersetzen heißt, sich Meta-artiges Desaster einzuladen“

Die Schriftstellerin, Lyrikerin und Übersetzerin Uljana Wolf erzählt im Interview mit Daktylos Media über ihre Beziehung zu der Erzählung Meta Morfoß von Peter Hacks, über die Frösche in den Texten und den Einfluss der digitalen Medien auf das Schreiben. Uljana Wolf hat gemeinsam mit Josepha Conrad Meta Morfoß für unsere erste Kinderbuch-App ins Englische übertragen.

Daktylos Media (DM): Liebe Uljana, nachdem wir dich für die Übersetzung der Erzählung Meta Morfoß von Peter Hacks ins Englische angefragt hatten, haben wir uns riesig über deine schnelle Zusage gefreut und danken dir noch einmal herzlich dafür! (Und vielen Dank auch an die freie Lektorin Meike Herrmann, die uns diesen Tipp gab.)
Erzähl, wie kam es denn zu deiner schnellen Entscheidung dafür?

Uljana Wolf (UW): Meta Morfoß war eines meiner liebsten Kinderbücher, ein gelbes Trompeterbuch mit blauem Rücken und herrlich widerspenstigen Illustrationen von Gisela Neumann. Es steht noch immer in meinen Bücherschrank, wandert und verwandelt die umstehenden Bücher dabei nicht wenig mit. Ich fand die Möglichkeit sofort großartig, Metas Geschichte ins Englische zu bringen und damit auch meinen Freunden und ihren Kindern zugänglich zu machen.

Meta Morfoß. Trompeterbuch-Ausgabe des Kinderbuchverlags Berlin  von 1986. Neu aufgelegt 2008 vom Beltz Verlag.
Peter Hacks: Meta Morfoß.
Illustrationen von Gisela Neumann
Trompeterbuch-Ausgabe
des Kinderbuchverlags Berlin von 1986
Neu aufgelegt 2008 vom Beltz Verlag.
Trompeterbuch-Ausgabe
Trompeterbuch-Ausgabe

DM: Welche Rolle spielt Meta Morfoß in deinem Leben?

UW: Welche Rolle spielt ein Mädchen, das sich in Muscheln, Dampfloks und zähnefletschende Krokodile verwandeln kann? Das eine schnurrbärtige Tante namens Herr Maffrodit hat? Im Ernst? Meta ist die Alternative zu Transformers, ohne die üblich moralische Kämmung der Wirklichkeit. Es ist eine Geschichte darüber, wie man dem Zwang zur Eindeutigkeit entkommen kann – und soll; wie man vieles und anders sein kann – Mädchen und wütend, Tante und Herr, Engel und Krokodil. Verwandlungsfähig ist eigentlich das Gegenteil von wandlungsfähig, was gemeinhin mit Anpassung assoziiert wird. Aber Meta passt sich nur ihren wunderbaren Versionen der Wirklichkeit an, kein Wunder, dass auch Einstein auftaucht. Peter Hacks spielt das alles mit einem feinen trockenen Humor durch, mit comic timing und Spottsprengseln gegen wirkliche oder selbsternannte Autoritäten, die meinen, uns Identitäten verpassen zu müssen.

Uljana Wolf. Foto: Timm Kölln
Uljana Wolf. Foto: Timm Kölln

DM: Wie gestaltete sich der Übersetzungsprozess für die englische Version von Meta Morfoß, worauf bist du gestoßen, was hast du mitgenommen? Hat das Wissen, dass dein Text für eine Kinderbuch-App sein soll, beim Übersetzen eine Rolle gespielt?

UW: Ich habe zwei Durchgänge ins Englische übersetzt, den dritten Durchgang hat die Musikerin und Autorin Josepha Conrad a.k.a. Susi Asado übernommen, die vierten haben wir zusammen gemacht. Josepha ist Muttersprachlerin, was besonders im Hinblick auf die komischen Effekte der Sprache ganz wichtig war. Zum Beispiel spricht der unbeholfene Räuber sehr unbeholfen und ist darum gar nicht gefährlich („Hände hoch, sonst wird geschossen“) – da muss man im Englischen mit einem Gefühl für das Ausgelassene und Sprachverpasste spielen, bis es den gleichen Effekt hat.

Das Medium, in das wir übersetzen, hat keinen Einfluss auf die Übersetzung gehabt – bis auf das Wissen, dass jeweils Schlüsselwörter die Animationen in Gang setzen, die wir möglichst beibehalten wollten. Da sich das deutsche und das englische Sprachsystem relativ ähnlich sind, stellte das kein großes Problem dar.

DM: Du bist Lyrikerin, Schriftstellerin und Übersetzerin. Wie wird man „das“? Welche Rolle spielt das Lesen?

UW: Die amerikanische Dichterin Marianne Moore, die übrigens in der gleichen Straße in Brooklyn lebte, in der ich Meta übersetzt habe, sagte einmal: Gedichte sind imaginäre Gärten, in denen echte Frösche leben. Das könnte man genauso über alle guten Bücher sagen – und es ist der Vorgang des Lesens, der jene Frösche wirklich und lebendig macht, genauso wie der Leser vom Lesen verwandelt wird, vervielfacht, es ist ein beidseitiges Verwandlungsverhältnis. Man vergisst ja viel zu oft, dass die Bücher nicht dieselben bleiben, dass sie durch uns genauso wandern, und hier meine ich nicht, dass sie sich in kleine widerspenstige Mädchen verwandeln können, wie am Ende von Peter Hacks’ Geschichte. Marianne Moore schreibt übrigens toad und nicht frog, also eigentlich leben in ihren Gärten Kröten. Vielleicht hätte ich Kröten schreiben sollen, aber das Wort liegt mir schwer im Ohr, außerdem hocken Kröten immer auf irgendwelchen Eingängen, dabei geht es hier um Offenheiten. Und auch darum bin ich Übersetzerin geworden, weil die Sprachen und unsere in ihnen vermittelten Wirklichkeiten keine eindeutigen Beziehungen abbilden, sondern vielfältig und durchlässig sind, weil man ihre Wirklichkeiten ändern kann. Wenn ich Frösche schreibe, lade ich nämlich eine ganz andere Verwandlungsgeschichte ein, in der auch ein Mädchen wütend ist und einen selbst ernannten Prinzen an die Wand klatscht. Warum nicht? Schreiben und Übersetzen heißt, sich Meta-artiges Desaster einzuladen, Verwandlungen und Abschiede zu üben.

DM: Und noch mehr übers Lesen. Unsere Meta Morfoß App soll Kinder über die Faszination für Technik, nämlich Tablets, fürs Lesen und für Literatur begeistern. E-Books und Apps erobern den Markt. Wie sind deine Eindrücke der Entwicklungen in der Buchbranche? Wohin entwickelt sich das Lesen heute deiner Meinung nach hin?

UW: Ich kann wenig von den Entwirklichungen der Branche berichten und meine Tochter ist noch nicht alt genug, um ein Tablet zu bedienen. Zwei Fehler in diesem Satz und ich tat nur einen, mein Autokorrektur für den anderen dazu. Ich begrüße alle Entwicklungen, die Autokorrekturverhalten entgegen wirken, in allen Medien – und Lesen, sich Literatur erobern, egal auf welchem Gerät, gehört erst einmal dazu.

DM: Und von deiner Warte als Lyrikerin und Schriftstellerin aus: Wie verändert sich das Schreiben durch die neuen digitalen Medien? Welchen Einfluss haben sie auf dein Schreiben?

UW: Als Übersetzerin interessiert mich zum Beispiel, wie die Auslagerung von Wissen in Clouds und Schwarmintelligenzen (crowd / crow?) Entscheidungen beim Übersetzungsprozess verändern kann. Und zwar in vieler Hinsicht: ich kann sehr viel rascher unendlich viele culture codes nachschlagen, ohne mich vom Fleck zu bewegen, ich kann über Facebook bei Muttersprachlern oder anderen Übersetzern Hilfe bei obskuren Stellen erfragen. Gleichzeitig gibt es eine größere Bereitschaft auf der Seite von Lektoren, Verlagen und Lesern, Fremdheit zu belassen, sie nicht erklärt oder eingedeutscht haben zu wollen, weil man kann das ja googeln. Das ist gut, es bringt Übersetzungen als komplexe durchlässige Texturen voran.

DM: Vielen Dank für das Interview!

Das Crowdfunding für die Meta Morfoß App läuft noch bis zum 20. April 2014. An alle Literaturliebhaber*innen, Leseratten und App-Geeks: Unterstützt die Meta Morfoß App www.startnext.de/meta-morfoss-app!

Interview mit smart-digits.com

Meta Morfoss (c) Daktylos Media
Meta Morfoss (c) Daktylos Media

Crowdfunding boomt mittlerweile auch in Deutschland. Wie wir bereits in unserem letzten Beitrag zum Thema beschrieben haben, mehren sich erfolgreiche Projekte. So z.B. aktuell das Buch “Das neue Spiel” von Michael Seemann, das über 20 T€ einsammeln konnte, oder auch die Finanzierungsrunde des eBook-Startups readfy. Wir möchten dies zum Anlass nehmen, einige weitere schöne Projekte vorzustellen, die in diesen Wochen ihr Funding beginnen. Ein Kinder-App-Projekt der ganz besonderen Art will Daktylos Media mit “Meta Morfoß” realisieren:

Das junge Unternehmen aus Dresden erfindet neue Formate für Buch-Apps: Die “Lesequest” ist eine Mischung aus E-Book und interaktivem Suchspiel. Die Leserin oder der Leser animieren die Illustrationen, indem sie die Schlüsselwörter auf jeder Seite der Erzählung finden und antippen. So sollen die Animationen nicht vom Lesen ablenken, sondern dazu motivieren. Das erste Projekt dieser Art soll eine App-Version des Kinderbuchs Meta Morfoß von Peter Hacks werden – das Crowdfunding dazu hat gerade auf Startnext begonnen.

Wir haben uns mit Anna Burck und Nikolay Barabanov von Daktylos Media über ihren Ansatz unterhalten:

Ihr seid ein junges Unternehmen im Bereich Kindermedien. Was hat euch zu eurer Beschäftigung mit diesem Thema gebracht?

Anna: Wir beobachten, wie unsere Kinder auf Computer, Smartphones und Tablets “abfahren”. Wir haben überlegt, wie wir diesen Spaß an der Technik mit dem Lesen als elementarer Kulturtechnik verbinden können. Deswegen haben wir einen Verlag für interaktive Kinderbücher gegründet.

Nick: Die neuen Technologien selbst haben keinen Inhalt in dem Sinne, dass sie gut oder schlecht sind, sie sind einfach ein Instrument. Wir möchten die Möglichkeiten dieses neuen Instruments für den kulturellen Bereich nutzen.

Interaktive Kindermedien sind ja ein Boom-Thema, seitdem iPads und andere Tablets die deutschen Wohnzimmer erobern. Wo seht ihr die Nische für eure Produkte? Was ist das besondere an eurer Idee der „Lesequests“ als neues App-Format?

Anna: Wir haben in den App Stores nach guten Buch-Apps gesucht und uns fiel auf, dass es da im Vergleich zum Spieleangebot sehr wenig Angebote gibt. Viele Apps, die sich “Buch” nennen, sind eher Spiele, das Lesen tritt in den Hintergrund. Schöne enhanced E-Books für Kinder, vor allem Bilderbücher mit animierten Illustrationen, gibt es natürlich inzwischen viele, aber oft sprechen sie eher jüngere Kinder an, denen man vorliest. Mit unserem Ansatz wollen wir etwas bieten für Kinder im Lesealter, das gute Literatur mit originellen Illustrationen und tollem Design verbindet und auf Mehrsprachigkeit ausgelegt ist.

Nick: Unter den digitalen Büchern gibt es zum einen E-Books in Verbindung mit den Lesegeräten, und zum anderen Buch-Apps für Tablets. Im ersten Fall bietet der Markt Lektüre, aber technologisch gesehen ist es der Schritt von den Tontafeln zum Papyrus. Im zweiten Fall bietet der Markt Spiele – das ist so, als ob man aus Goethes gesammelten Werken Origami faltet. In den Lesequests, wie wir unser App-Format nennen, gibt es keine Spiele, kein Puzzle, nichts zum Ausmalen. Das Besondere ist, dass die Bilder erst über das Lesen, über die Interaktion mit Schlüsselwörtern, animiert werden. Man sucht im Text diese Schlüsselwörter, die zur Ausgangsszene auf der Illustration passen, und wenn man sie antippt, passiert im Bild etwas. Erst wenn man eine Seite aufmerksam gelesen und alle Schlüsselwörter gefunden hat, geht es in der Geschichte weiter.

Eure jüngste App wollt ihr als Crowdfunding-Projekt realisieren. Warum habt ihr euch dafür entschieden? Worin seht ihr die Vorteile gegenüber anderen Finanzierungsformen?

Anna: Es ist unser erstes Projekt, für das wir auch versuchen auf die klassische Art einen Bankkredit zu bekommen, aber die Aussichten darauf sind begrenzt. Crowdfunding erscheint uns da als ideale Finanzierungsmöglichkeit. Die Risiken gehen hier für alle Beteiligten gegen Null und man ist unabhängig von Kreditgebern und frei von den daran geknüpften Bedingungen.

Nick: Crowdfunding erscheint uns daneben als optimaler Weg, Menschen zu erreichen, die wie wir das Lesen lieben und in den neuen Technologien eine Bereicherung für das Leben sehen, und für die, für die Solidarität ein fruchtbares Beziehungsmodell ist.

(c) Daktylos Media
(c) Daktylos Media

Bei Kindermedien für Tablets und Smartphones gibt es genauso die Skeptiker wie die Befürworter, was didaktischen Wert und kindgerechte Mediennutzung angeht. Was würdet Ihr skeptischen Eltern gerne mit auf den Weg geben?

Anna: Skepsis in unserer konsumorientierten Welt ist nicht schlecht. Man sollte sich aber beim Umgang mit Medien nicht von seinen Ängsten leiten lassen, sondern von seinem Vertrauen zu sich und seinem Kind. Man sollte Inhalte, egal welcher Medien, zusammen auswählen und darüber sprechen. Wenn man die Mediennutzung bewusst in den Alltag mit einplant wie andere Dinge auch, sollten irrationale Ängste verschwinden. Und schön ist natürlich, wenn Eltern mit ihren Kindern zusammen Filme schauen, Apps ausprobieren, sich gegenseitig vorlesen. In unserem Daktylos Media Blog rezensieren wir ja auch Kinderbücher und gute Buch-Apps, da können skeptische Eltern reinschauen und sich Anregungen holen.

Nick: Wir möchten wie alle Eltern, dass unsere Kinder gesund und glücklich aufwachsen. Und nur das sollte das Kriterium für die Bewertung von etwas als “nützlich” oder “schädlich” sein. Wenn man die neuen Technologien für die Entwicklung der Kinder nicht nutzt, nimmt man ihnen einen Teil der Möglichkeit, die unbegrenzte Vielfalt unserer Welt zu erfahren.

Детские приложения в немецком iTunes App-Store: Много игр и мало чтения
Детские приложения в немецком iTunes App-Store: Много игр и мало чтения

Mobile Apps sind wohl einer der dynamischsten und innovativsten Bereiche in der aktuellen Medienentwicklung. Wo sehr ihr wichtige Trends, die für euer Thema von Bedeutung sind?

Anna: Beim momentanen Stand der Basistechnologien können wir unsere Ideen mit nativen Apps am besten umsetzen. Ich bin aber sehr gespannt auf die Tigercreate Software, die in diesem Frühjahr herauskommen soll. Daneben sehen wir für die Zukunft auch großes Potential im systematischen Einsatz von Tablets im Schulalltag, aber ganz viel hängt natürlich auch von der Bildungspolitik ab.

Nick: Das Wichtigste ist die Verbreitung und die Erschwinglichkeit der Tablets als Basis für eine breite Verfügbarkeit. Dann ist wichtig, dass die mobilen Netze der neuen Generation kommen, die es möglich machen, bequem große Datenmengen zu übertragen. Gerade Deutschland ist hier noch Entwicklungsland.

Daneben beobachten wir mit Interesse die Versuche und die ersten Ergebnisse, faire Technologieprodukte zu entwickeln, zum Beispiel das Fairphone-Projekt, oder neue Finanzierungsmodelle für Content-Produktion zu schaffen.Wir denken für unsere Produkte darüber nach, einen Mechanismus zu entwickeln, mit dem ein App auch “second hand” genutzt werden kann, dass es also von den Nutzer*innen nach Gebrauch weiterverkauft werden kann.


Anna Burck (c) Daktylos Media
Anna Burck (c) Daktylos Media

Anna Burck ist bei Daktylos Media zuständig für Programmleitung und Redaktion, Marketing und Pressearbeit, Rechte und Lizenzen. Während ihres Studiums der Neueren deutschen Literatur und Russistik in Berlin und Moskau hat sie in Verlagen mitgearbeitet. Danach leitete sie in der internationalen Kulturarbeit Projekte im Bereich Online-Redaktion und Internetmarketing. Zurzeit arbeitet sie freiberuflich als Redakteurin, Autorin und Übersetzerin.

Nick Barabanov (c) Daktylos Media
Nick Barabanov (c) Daktylos Media

Nikolay Barabanov ist bei Daktylos Media zuständig für Projektmanagement, technische Koordination, Teamleitung und Vertrieb. Nikolay hat in St. Petersburg Architektur studiert und viele Jahre als Architekt und als Direktor für Projektmanagement in einem bekannten Moskauer Architekturbüro gearbeitet.

Gepostet von am FEB 18, 2014 mit Smart-digits.com

Mit wem wir arbeiten. Teil 1: Der Illustrator

Nachdem wir geklärt hatten, welchen Text wir für die App nehmen wollen, und uns für Meta Morfoß von Peter Hacks entschieden haben, kam die Frage: Wie sollen die Illustrationen dazu aussehen? Eine klare Struktur der App hatten wir noch nicht vor Augen, aber es war natürlich klar, dass dieses Buch Bilder haben sollte. Und wir begannen zu suchen. Die Website illustrators.ru ist eine wunderbare Ressource, hier kann man die Suchparameter einstellen, beispielsweise dafür, dass jemand mit Vektorgrafik arbeiten soll oder eine bestimmte Technik oder einen bestimmten Stil verwendet. Ebenso haben wir andere Portfolio-Ressourcen genutzt – eine gute Adresse ist da auch behance.net.

Nach einem Illustrator für ein Buch zu suchen ist eigentlich so, als ob man einen Anwalt, Babysitter oder Zahnarzt auswählt – man muss Vertrauen haben. Wir fanden ungefähr 10 Illustratorinnen und Illustratoren, die in die Auswahl kamen. Wir überlegten zuerst, eine Ausschreibung zu machen. Aber als wir dann zu zweit am Computer saßen und in den Bildern “blätterten”, trafen wir die Entscheidung sofort, wir lagen auf einer Wellenlänge. Und eigentlich ohne große Erörterungen sagten wir fast einstimmig: Neeee, das ist nicht das Richtige. Oder: Na guuut, lass es uns später noch mal anschauen. So siebten wir immer weiter aus und legten das Ausgesiebte beiseite, bis nur noch einer übrig blieb: Maxim Litvinov aka Кclogg.

(c) Max Litvinov aka Kclogg
(c) Max Litvinov aka Kclogg
(c) Max Litvinov aka Kclogg
(c) Max Litvinov aka Kclogg

Parallel arbeiteten wir an der Grundidee und -struktur der App. So erschienen auf jeder Seite (auf jedem Screen) die Illustrationen und wurden mit dem Text zu einem interaktiven Mechanismus verbunden.

Wir hatten noch kein Storyboard, wir lasen von neuem Hacks’ Text und schauten uns immer wieder Maxims Portfolio an, es blieb kein Zweifel mehr. Zwischendurch sagten wir uns: “Stell dir vor, wie er den Lehrer Dr. Pauli zeichnen wird!” Oder: “Schau mal, so sollte Meta aussehen!”

Jetzt wissen wir, dass die Illustrationen in der gemeinsamen Arbeit entstehen. Während wir mit Maxim am Prototypen arbeiteten, testeten wir den Zugang zueinander aus – wir suchten nach einer gemeinsamen Sprache, einer gemeinsamen Welle, versuchten zwei Vorstellungen miteinander zu vereinbaren, unsere Idee mit seinen schöpferischen Impulsen.

Dass wir über die Entfernung mit unseren Mitarbeitern arbeiten, also nicht direkt miteinander kommunizieren können, hat seine Vorteile. Wir laden Freiberuflerinnen und Freiberufler ein, die am besten zu unserem Projekt passen.

Meta Morfoss sketch (c) Daktylos Media
Meta Morfoss sketch (c) Daktylos Media

An einigen Figuren haben wir lange gesessen, es hat gedauert, bis Meta oder Herr Maffrodit, die Tante, ihre endgültige Form bekommen haben. Aber der Müllfahrer Karsunke und der Lehrer Dr. Pauli sind an einem Tag entstanden. Da wir einen bestimmten Stil, die 1970er Jahre, in die App bringen wollen, haben wir viel Zeit damit verbracht, die passende Mode für unsere Figuren zu finden.

Vor uns liegt noch viel Arbeit. Bisher haben wir für den Prototyp zwei funktionierende Screens (von zwanzig) erstellt. Also, ran an die Arbeit! Und wünscht uns Erfolg!!

Vorbereitung zum Crowdfunding (Daktylos MediaBloopers)

Im Februar dieses Jahres starten wir eine Crowdfunding-Kampagne auf der deutschen Plattform Startnext.de für unser erstes Lesequest: das Meta Morfoß App.

Um darüber die finanziellen Mittel zusammen zu bekommen, bereiten wir jetzt unser Pitch Video vor, in dem wir über uns, unser Projekt und die Geschenke für unsere Unterstützer erzählen.
Und hier ist schon einmal ein vorläufiges Geschenk für euch …

Unser Blooper-Bonus zum Startnext.de Pitch Video Kameramann (der geduldigste der Welt): readymedia / Andreas Fertig

Kulturpropaganda (#HerrMaffrodit)

„Die Zerrüttung fängt nicht in den Toiletten an, sondern in den Köpfen“ – so brachte Professor Preobrashenski in Bulgakows Erzählung Hundeherz die sozialen Erschütterungen und Umwälzungen auf den Punkt. Die russische Gesellschaft versucht heute über die Normierung von Geschlechterrollen Identität zu stiften und findet dafür manchmal nicht nur in Bezug auf Homosexualität an den überraschendsten Stellen einen Aufhänger.

Was hat das mit einer Erzählung für Kinder aus der DDR zu tun, die der Schriftsteller Peter Hacks vor 40 Jahren schrieb? Wie sich für uns herausstellte, kann man das Thema der Metamorphose oder auch der Metamorphosen sehr weitläufig interpretieren. Man muss nur einmal eine entsprechende Untersuchung durchführen und wird merken, dass die Hälfte des kulturellen Erbes nicht den heutigen Moralvorstellungen entspricht. Und was kann denn amoralischer sein als diese ganzen heidnischen Abscheulichkeiten der Antike? Nicht nur, dass man sich damals nicht auf „traditionelle“ sexuelle Beziehungen beschränkte, nein – dort gab es solche Abweichungen, dass einem die Haare zu Berge stehen. Und Ovid hat eine Sammlung aller möglichen solcher Abweichungen erstellt.

All das im Kopf zusammen mit der fehlenden klassischen Bildung (im wahrsten Sinne dieses Wortes) und noch multipliziert mit den neuen gesetzgeberischen Initiativen, ausgehend von den Ufern der Newa, führt eben zur Zerrüttung in den Köpfen. Und dabei passiert das in frischen und jungen Köpfen, wo man noch wenig Vorstrukturiertes erwarten würde.

Drawing of parts of the human brain by Leonardo da Vinci wikimedia commons
Drawing of parts of the human
brain by Leonardo da Vinci wikimedia commons

Die andere Wirklichkeit holte uns da ein, wo wir überhaupt nicht damit gerechnet hatten: bei der Aufstellung des Budgets! Wir machten uns ans Rechnen und bereiteten Anfragen vor, um bei russischen Programmierern – Freelancern und Firmen – Angebote einzuholen. Fürs bessere Verständnis schrieben wir ein Storyboard für die Meta Morfoß App, in dem die ganze Geschichte Seite für Seite aufgeteilt ist und alle Szenen und handelnden Figuren genau beschrieben und benannt sind.

In der Erzählung hat das Mädchen Meta, die Hauptperson, eine Tante namens Maffrodit. Herr Maffrodit. Diese strickt gern und hat einen Schnurrbart. Wir hätten wohl auf der Hut sein sollen, aber wir hatten einfach Spaß und sprachen über das feine Spiel mit den Bedeutungen und Hacks’ Phantasie. Nachdem wir fünf Anfragen versendet hatten, warteten wir. Und es dauerte nicht lang: „Hallo Nick! Wir haben alles gelesen. Wir sind absolut intolerant gegen Hermaphroditen und ähnliches, niemand im Team will etwas mit so einem Projekt zu tun haben …“

Mosaic of Hermaphroditus, North Africa, Roman period, 2nd-3rd century AD wikimedia commons
Mosaic of Hermaphroditus, North Africa, Roman period,
2nd-3rd century AD wikimedia commons

Wenn Hermes und Aphrodite gewusst hätten, dass ein Petersburger Team von App-Programmierern ihrem Sohn gegenüber intolerant ist – welch schreckliches Schicksal hätte diese wohl ereilt? Und solche „Kenner“ der antiken Mythologie gibt es in Russland viele.

Ist es wirklich möglich, dass ein interaktives Buch über Meta Morfoß, die sich in alles Mögliche verwandeln kann, für verwerflich gehalten wird?