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#MetaCrowd: Mädchen mit phantastischen Möglichkeiten

Eine unserer treuesten und begeistertsten Fans ist Gesine Reinicke aka @textgruen. Für unsere #MetaCrowd-Aktion hat sie, die in Westberlin aufgewachsen ist und die deutsche Teilung hautnah miterlebt hat, nun diese – wie sie uns schrieb – „wahlverwandte Annäherung“ an Meta Morfoß und deren Hacks-Geschwister unternommen.

Meta hätte ich gerne viel früher gekannt

Peter Hacks war mir schon als Kind ein Begriff, doch Meta Morfoß kannte ich – leider – nicht. Bis ich über Twitter das faszinierende Lesequest-App-Projekt von Daktylos Media entdeckte und zur #MetaCrowd gestoßen bin.
Hacks begegnete mir unvergesslich schon zu Beginn meiner Karriere als Leserin. Eine wilde Geschichte, eine ziemlich böse „Parafabel“, zwischen dunkelgrünen Deckeln eines besonderen Bilderbuchs: Der Bär auf dem Försterball, illustriert mit den klaren, kindgerechten, zum Cartoon hin tendierenden Bildern, die Walter Schmögner für die (West)-Bilderbuchausgabe schuf. Sie gehören für mich fast untrennbar zur Geschichte – darum freut mich die Neuauflage des Buches im Eulenspiegel-Verlag besonders.

Ich bin fast sicher, dass es mein Vater war, der damals das Bilderbuch für uns Kinder kurz nach dem Erscheinen im Middelhauve Verlag 1972 erworben hat. Denn ich bin ganz sicher, dass er mit dem Namen Peter Hacks vertraut war. Die geteilte deutsche Literatur interessierte ihn. Und Hacks war in mehreren Hinsichten ein Grenzgänger wie mein Vater. Beide hatten sie mit einem Schritt über die innerdeutsche Grenze eine Lebensentscheidung getroffen – Hacks 1955, mein Vater 1956, allerdings aus unterschiedlichen Gründen in jeweils umgekehrter Richtung.

„Wozu die Flinten?“ rief der junge Förster. „Wir wollen dich doch schießen“, antworteten sie, „du bist doch der Bär.“ – „Ihr versteht überhaupt nichts von Bären“, sagte der Bär. Illustration des Bilderbuchs Peter Hacks: Der Bär auf dem Försterball. Middelhauve 1972
„Wozu die Flinten?“ rief der junge Förster. „Wir wollen dich doch schießen“, antworteten sie, „du bist doch der Bär.“ – „Ihr versteht überhaupt nichts von Bären“, sagte der Bär.
Illustration des Bilderbuchs Peter Hacks: Der Bär auf dem Försterball. Middelhauve 1972.
Neu aufgelegt vom Eulenspiegel Verlag 2004.

Kindliche Wahrnehmung von Benimmregeln im geteilten Deutschland – Vorbereitung auf Leseabenteuer

Die 1970er als Inselkind in Berlin verbracht, das bedeutete für mich bei Familienreisen zu Vaters Verwandten jenseits der Mauer stets besonders bewusstes Erleben von Grenzgängen, Passagen zwischen Selbst- und Fremd-Kontrollroutinen vor einem emotional beunruhigenden Hintergrund von Halbverstandenem und Unausprechlichem beim Übergang von einem System in ein anderes. Während der oft üppigen Wartezeiten wuchs die Spannung im Auto, deutlich spürbar die Angst der Eltern, etwas falsch zu machen. Regeln und Rituale voller Rätsel und unausgesprochener Zusammenhänge. Zu ahnen in verbalen und nonverbalen Windungen der Erwachsenen gegenüber den Uniformierten und ebenso jener Uniformierten im Umgang mit uns, den korrekt zu Kontrollierenden. Ich lernte, indem ich beobachtete und versuchte, die Masken zu lesen. Bis heute fällt es mir schwer zu benennen, was genau ich lernte …

Warum fang ich davon an? Weil ich glaube, dass mich leibhaftiges Erleben geprägt, früh meine „Antennen“ für Nuancen, Unter- und Zwischentöne von Kommunikation geschärft hat. Ich stürzte mich früh in Sprach- und Leseabenteuer aller Art, entdeckte fasziniert, wie immer neue Welten, Ideen und Werkzeuge zum Denken sich lesend erschließen – und dass das „Wie“ eines Textes entscheidenden Einfluß hat auf die Plausibilität und das Faszinationspotenzial des „Was“, dass im besten Falle die Textgestalt und die Inhalte einander bedingen. Ich lernte Gesten, Mienen, Sprachäußerungen und literarische Bildwelten immer auch als Platzhalter, Masken und Metaphern des Eigentlichen zu begreifen, abzuklopfen auf ihren möglichen Hintersinn, und Irritationen, „Störungen“ und „schräge“ Töne zu goutieren – als Saat konstruktiven Zweifelns.

Abfertigung der Tansitreisenden und der in die Südbezirke der DDR reisenden Westberliner Bürger am Grenzübergang Drewitz-Dreilinden. Foto: Bundesarchiv Bild 183-L0331-0007
Abfertigung der Tansitreisenden und der in die Südbezirke der DDR reisenden Westberliner Bürger am Grenzübergang Drewitz-Dreilinden.
Foto: Bundesarchiv Bild 183-L0331-0007

Solch wertvolles Saatgut sammle ich heute noch – beispielsweise mit den Worten über den Himmel, die Peter Hacks seiner Meta in den Mund legt, als diese sich nach dem Vorwurf des Lehrers, sie sei albern gewesen, mitten im Unterricht in Albert Einstein verwandelt:

Meine hochverehrten Damen und Herren. Alle Sterne drehen sich um аllе Sterne. Es gibt große und kleine Sterne, helle und dunkle, wichtigere und weniger wichtige, aber es ist keiner unter ihnen, auf den es nicht ankommt. Jeder Stern hat ein bisschen Recht. Und was wir Menschen von den Sternen lernen können, ist, wie nett sie, obgleich jeder ein bisschen Recht hat, sich am Ende miteinander geeinigt haben. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Leben und Lesen gehören für mich untrennbar zusammen: Reflexion über Intentionen und Gestaltungselemente von Kommunikationsakten sensibilisiert für differenzierte Text-Analyse und -Gestaltung ebenso wie für kritische Welt- und Selbst-Befragung.

Hacks’ Tücke des Subjekts – Authentische, kreative Selbstentfaltung jenseits von Systemfragen

Hacks’ Förster repräsentierten für mich eine „uniformierte Ordnungsmacht“, die mich als Kind um den Bären bis zuletzt fürchten ließ. Denn obwohl der Bär den Förstern überlegen scheint – unklar ist, ob er sich selbst treu bleiben kann, als die Gruppe ihn zum ‘Bestimmer’ macht. Hacks’ Parabel über die Problematik von Gruppendynamiken, die Hierarchiedenken unterliegen, half mir, Zweifel als Werkzeuge zu erkennen. Der übermütige Bär provozierte Nachdenklichkeit.

Die Handlung rund um Meta Morfoß aber ermutigt (sie und die Lesenden) dazu, sich nicht durch Selbstzweifel vom Ausloten der eigenen Möglichkeiten abhalten zu lassen. Dazu trägt eine im Vergleich zu den Förstern deutlich verständigere Ordnungsmacht bei, „der Müllmann, Herr Karsunke“. Im Gespräch der Erwachsenen über Meta und ihre Verwandlungen meint er, er habe nichts gegen Krokodile und Engel:

„Ich verlange nur eins: dass sie sich endlich entscheidet, wer sie sein will, damit man sich daran gewöhnen kann.“
„Wir haben uns auch so daran gewöhnt“, sagte Herr Morfoß.
„Es ist doch ganz klar, wer sie ist“, sagte Frau Morfoß. „Sie ist doch die Meta.“

Sollte sich Meta Morfoß irgendwann einmal in einen Bären verwandeln, der sich als Förster verkleidet, vielleicht fände ein ganz neuer, anderer Försterball statt?

Phantasievolle Zeitreisen

Heutigen Kindern jedenfalls wünsche ich nachhaltige Begegnungen mit Meta und gern (vielleicht etwas später…) auch mit dem „Bär auf dem Försterball“: Hacks’ kindgerecht gewitzte Literatur verführt neugierige und neugierig gebliebene Entdecker*innen dank klarer Sprache, die bildkräftige Phantasie aus tiefen Gedankenquellen sprudeln lässt.

Die Jüngeren, die in diesem vereinten, aber nicht durchweg einigen Deutschland aufwachsen, könnten im Austausch mit den Älteren neue Details entdecken und umgekehrt. Meta-nautische Expeditionsteams könnten Perspektiven vergleichen und bereden, gar gemeinsam auf „Zeitreise“ gehen – um sich selbst und einander neu und klarer zu sehen und verstehen.

Gesine Reinicke https://twitter.com/textgruen
Gesine Reinicke @textgruen

(Mit ganz herzlichem Dank an Anna Burck für die Würze in der Kürze!)