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„Kinder? Ich kenne gar keine.“ Ein Gespräch über Peter Hacks als Kinderbuchautor

Unsere erste Buch-App bringt Peter Hacks’ Erzählung Meta Morfoß auf iPads und Android Tablets. Im Interview mit Dakytlos Media erzählt Verleger Dr. Matthias Oehme über Peter Hacks und dessen wunderbare Texte für Kinder.

Peter Hacks, 1976. Foto: Bundesarchiv
Peter Hacks, 1976. Foto: Bundesarchiv

Daktylos Media (DM): Wo und wie haben Sie Peter Hacks kennengelernt?

Matthias Oehme (MO): Den Dichter kenne ich schon lange, persönlich habe ich ihn aber erst spät kennengelernt. Das geschah in einer Zeit, in der ich den Eulenspiegel Verlag übernommen hatte, also etwa 1994, und Hacks als Autor zu gewinnen versuchte. Und obwohl sich das nicht gleich machen ließ, war er sehr freundlich, aufgeschlossen und überaus interessiert, was hier mit dem alten DDR-Verlag passiert. Ich hatte den Eindruck, dass unsere Begegnungen und Gespräche, teils im Verlag, teils bei ihm in der Schönhauser Allee oder draußen auf seinem Landsitz, von Sympathie und Einverständnis geprägt waren. Er wollte schon gern bei uns publizieren.

DM: Was ist Ihnen von Hacks besonders in Erinnerung geblieben?

MO: Auch wenn es nur ein Aspekt ist, so sollte man den doch nicht unterschätzen: Ich hatte den Eindruck, dass er ungemein neugierig war; er ließ sich gern über alle Sachverhalte und Personen Neues berichten, seien es die Umstände des Verlagsgeschäfts, politische Entwicklungen oder eben literarischer Tratsch; nur Neues sollte es eben sein. Alles andere langweilte ihn schnell. Und natürlich hatte er zu allem ein Urteil; ich nenne es nicht Meinung, denn meist war das gegründeter als eine bloße Meinung.

T. liest Geschichten von Henriette und Onkel Titus, zweite Auflage des Kinderbuchverlags 1982 (c) Daktylos Media
T. liest Geschichten von Henriette und Onkel Titus, zweite Auflage des Kinderbuchverlags 1982 (c) Daktylos Media

DM: Hacks, der selber keine Kinder hatte, hat wunderbare Kinderliteratur geschrieben. Was macht aus Ihrer Sicht diese Texte so zeitlos und so stark?

MO: Ja, sie sind nicht kindertümelnd, nicht didaktisch, tief von einsehbarer Logik und spaßhafter Vernunft geprägt, was Kindern sehr gefällt, es handelt sich um kräftige, phantasievolle Fabeln, um sprachlich klare und originelle, dabei hochpoetische Texte, und es sprechen sich jeweils herausragend selbstbewusste Haltungen und ein frohgemuter Handlungswillen aus. Das ist Literatur nicht nur für Krisen oder Phasen des Niedergangs, das ist haltbar. „Ein Ding von Schönheit ist ein Glück auf immer.“

DM: Wissen Sie, welche Bedeutung das Schreiben von Texten für Kinder für Hacks persönlich hatte, welchen Raum es in seinem Leben einnahm, was er damit verband?

MO: Er selbst hat ja darüber in seinem Aufsatz „Was ist ein Drama, was ist ein Kind?“geschrieben, ich mag nicht besserwisserisch sein. Für Kinder zu schreiben war ihm, glaub ich, literarisch-ästhetisch nicht so sehr wichtig, insofern sind all diese Texte Blumen eher vom Feldrain der Poesie. Die Verfertigung dieser Sachen kam aber seinem Naturell entgegen, will sagen, er hatte offenbar öfter mal überbordende Lust drauf. Das ist so, wie dieser große Dramatiker gelegentlich eben auch Gedichte oder erzählende Texte geschrieben hat. Außerdem hatte er ein hochentwickeltes Genrebewusstsein, so dass ihm klar war, dass bestimmte Gegenstände eben nur in den Sagweisen der Kinderliteratur sich behandeln lassen.

Auf die Frage, wieso er für Kinder schreibt und sie offenbar gut kennt, hat er 1977 dem DDR-Kinderbuchverlag einmal so geantwortet:

Man fragt: Sie haben natürlich Kinder? Ich erwidere, nein. Man fragt: woher kennen Sie sie dann? Ich erwidere: ich kenne gar keine. Hiernach verwundert man sich und fragt: aber Sie scheinen sie doch zu mögen! – Ist das wirklich so schwierig? Ich habe keine Kinder und kenne folglich keine und habe aus diesen beiden Gründen wenig Mühe, mir meine gute Meinung über sie zu erhalten.

DM: Hacks’ Erzählungen wie Meta Morfoß oder Geschichten von Henriette und Onkel Titus entstehen aus dem Spiel mit der Sprache und ihren Bedeutungen, sie erscheinen zuweilen absurd. Kann man sagen, dass es in der DDR-Kinderliteratur auch eine absurde Erzähllinie gab wie beispielsweise im englischsprachigen Raum oder in der jungen Sowjetunion? Oder ist Hacks da eher ein Einzelfall?

MO: Ich vermute, dass die Ähnlichkeiten recht oberflächlich sind. Die Bezeichnungen des Absurden trifft  die Hervorbringungen der Hacksschen Phantasie gar nicht. Hacks ist zwar tatsächlich ein Einzelfall, das denke ich schon auch, aber sein Boden ist definitiv der Realismus; vielleicht macht die Fülle, die Fruchtbarkeit seines Realismusbegriffs ja seine Einzigartigkeit aus. Alles, was uns so sehr phantastisch, gar absurd erscheint, etwa ein Bär, der auf dem Försterball das große Wort führt, sind wirklichkeitsgesättigte und wirklichkeitszugewandte Geschichten mit Witz und Hintersinn, die Kinder durchaus nicht mit den zahllosen sauertöpfischen Produkten von anthropomorphisierenden Halbdidakten verwechseln. Die haben dafür nämlich ein untrügliches Gespür.

Der Bär auf dem Försterball. Illustrationen von Walter Schmögner (c) Eulenspiegel Verlag
Der Bär auf dem Försterball. Illustrationen von Walter Schmögner
(c) Eulenspiegel Verlag

DM: Ein russisches Entwicklerteam, das wir wegen der Programmierung der „Meta Morfoß App“ angefragt hatten, erteilte uns eine Absage: Mit „Hermaphroditen“ wolle man nichts am Hut haben. Wissen Sie, ob Meta Morfoß auch früher schon für Anstoß gesorgt hat?

MO: Naja, ich finde die Episode mit der Absage lustig, aber nicht nur lustig. Bekannt ist mir derlei nicht, obwohl es gegen Hacks von früh an auch immer wieder mal irgendwelche Einwände gegeben hat, auch gegen seine Texte für Kinder. Es sind die Lehrer, die wirklichen und die angemaßten, die oft ihre Schwierigkeiten damit haben. Aber ein so gebildetes Vorurteil ist mir da nicht begegnet; und mehr ist es ja nicht. Ich weiß gar nicht, ob sich daran tatsächlich eine gesellschaftspolitische Debatte entzünden kann. Sie dürfen nicht vergessen, dass ein DDR-Kind ja viel aufgeklärter war als etwa ein westdeutsches. Letztlich auch dank Hacks!

DM: Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview genommen haben!


Matthias Oehme, Geschäftsführer des Eulenspiegel Verlags und Peter Hacks Verleger. Foto: Simone Uthleb (c) Eulenspiegel Verlag
Matthias Oehme, Geschäftsführer des Eulenspiegel Verlags und Peter Hacks Verleger.
Foto: Simone Uthleb
(c) Eulenspiegel Verlag

Dr. Matthias Oehme, geb. 1954, Literaturwissenschaftler und Verleger; Studium der Germanistik in Leipzig, Promotion 1984 mit einer Untersuchung zu Dramaturgie und Dramentheorie beim späten Schiller. Übernahm 1993 zusammen mit Jacqueline Kühne den Verlag Das Neue Berlin und den Eulenspiegel Verlag, beide Verlage wurden durch eine neugegründete Gesellschaft fortgeführt. Ist gelegentlich auch herausgeberisch tätig (Herder, Schiller, Brecht, Hacks).

Kulturpropaganda (#HerrMaffrodit)

„Die Zerrüttung fängt nicht in den Toiletten an, sondern in den Köpfen“ – so brachte Professor Preobrashenski in Bulgakows Erzählung Hundeherz die sozialen Erschütterungen und Umwälzungen auf den Punkt. Die russische Gesellschaft versucht heute über die Normierung von Geschlechterrollen Identität zu stiften und findet dafür manchmal nicht nur in Bezug auf Homosexualität an den überraschendsten Stellen einen Aufhänger.

Was hat das mit einer Erzählung für Kinder aus der DDR zu tun, die der Schriftsteller Peter Hacks vor 40 Jahren schrieb? Wie sich für uns herausstellte, kann man das Thema der Metamorphose oder auch der Metamorphosen sehr weitläufig interpretieren. Man muss nur einmal eine entsprechende Untersuchung durchführen und wird merken, dass die Hälfte des kulturellen Erbes nicht den heutigen Moralvorstellungen entspricht. Und was kann denn amoralischer sein als diese ganzen heidnischen Abscheulichkeiten der Antike? Nicht nur, dass man sich damals nicht auf „traditionelle“ sexuelle Beziehungen beschränkte, nein – dort gab es solche Abweichungen, dass einem die Haare zu Berge stehen. Und Ovid hat eine Sammlung aller möglichen solcher Abweichungen erstellt.

All das im Kopf zusammen mit der fehlenden klassischen Bildung (im wahrsten Sinne dieses Wortes) und noch multipliziert mit den neuen gesetzgeberischen Initiativen, ausgehend von den Ufern der Newa, führt eben zur Zerrüttung in den Köpfen. Und dabei passiert das in frischen und jungen Köpfen, wo man noch wenig Vorstrukturiertes erwarten würde.

Drawing of parts of the human brain by Leonardo da Vinci wikimedia commons
Drawing of parts of the human
brain by Leonardo da Vinci wikimedia commons

Die andere Wirklichkeit holte uns da ein, wo wir überhaupt nicht damit gerechnet hatten: bei der Aufstellung des Budgets! Wir machten uns ans Rechnen und bereiteten Anfragen vor, um bei russischen Programmierern – Freelancern und Firmen – Angebote einzuholen. Fürs bessere Verständnis schrieben wir ein Storyboard für die Meta Morfoß App, in dem die ganze Geschichte Seite für Seite aufgeteilt ist und alle Szenen und handelnden Figuren genau beschrieben und benannt sind.

In der Erzählung hat das Mädchen Meta, die Hauptperson, eine Tante namens Maffrodit. Herr Maffrodit. Diese strickt gern und hat einen Schnurrbart. Wir hätten wohl auf der Hut sein sollen, aber wir hatten einfach Spaß und sprachen über das feine Spiel mit den Bedeutungen und Hacks’ Phantasie. Nachdem wir fünf Anfragen versendet hatten, warteten wir. Und es dauerte nicht lang: „Hallo Nick! Wir haben alles gelesen. Wir sind absolut intolerant gegen Hermaphroditen und ähnliches, niemand im Team will etwas mit so einem Projekt zu tun haben …“

Mosaic of Hermaphroditus, North Africa, Roman period, 2nd-3rd century AD wikimedia commons
Mosaic of Hermaphroditus, North Africa, Roman period,
2nd-3rd century AD wikimedia commons

Wenn Hermes und Aphrodite gewusst hätten, dass ein Petersburger Team von App-Programmierern ihrem Sohn gegenüber intolerant ist – welch schreckliches Schicksal hätte diese wohl ereilt? Und solche „Kenner“ der antiken Mythologie gibt es in Russland viele.

Ist es wirklich möglich, dass ein interaktives Buch über Meta Morfoß, die sich in alles Mögliche verwandeln kann, für verwerflich gehalten wird?