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#MetaCrowd: „Wenn ich es mir ganz fest vornehme, kann ich fliegen“

Julia Fertig hat als Kind gespürt, dass man sich wie Meta Morfoß in alles verwandeln kann – man muss nur fest glauben und den richtigen Moment abpassen … Herzlichen Dank, liebe Julia, für deinen wunderbaren Beitrag!

In meiner Erinnerung ist „Meta Morfoß“ das Buch mit der langen Socke auf dem leicht stumpf gewordenen Pappeinband.

Ich wusste weder, was eine Metamorphose, noch, was eine Orchidee ist oder wer Albert Einstein war. Auch der antiautoritäre Duktus der Geschichte von Peter Hacks, die in der DDR in der Reihe der „Trompeterbücher“ des Kinderbuchverlags erschien, konnte mich erst später überraschen. Ich habe ihn einfach überlesen.

Für mich war die Meta vor allem eines: eine Versuchung. Und ein Anker gleichzeitig. Ich war überzeugt davon, wenn ich nur wollte, könnte ich mich wie Meta in alles verwandeln. Ganz in echt. Ich habe mich nur nie wirklich getraut. Ich wollte auch kein Krokodil auf der Straße oder eine Lok im Gegenverkehr sein. Mir kam es auf Provokation oder Selbstverwirklichung nicht an. Mir war es wichtig, diese Kraft als „letztes Mittel“ für ganz bestimmte Situationen aufzuheben. Als Rettung aus mir selbst. Wer weiß, wozu es mal gut ist …

Julia Fertig
Julia Fertig

Ich kann heute noch die tiefe Überzeugung in mir nachspüren, dass ich fliegen könnte, wenn ich mir es nur fest genug vornähme und den Impuls genau im richtigen Moment umsetzte. Pädagogisch nennt man das wohl die „magische Phase“. Den festen, kindlichen Glauben an das Wunderbare. Meta Morfoss war eines der Bücher, an dessen Realitätsnähe ich fest glaubte.

Diese selbstverständliche Unbedingtheit. „Ich bin doch die Meta!“ Heute weiß ich, dass die Greifbarkeit des Phantastischen in der magischen Phase kein an ein bestimmtes Alter gebundenes physiologisches Phänomen ist, sondern ein Qualitätsmerkmal guter Literatur. Danke, Peter Hacks!

Kulturpropaganda (#HerrMaffrodit)

„Die Zerrüttung fängt nicht in den Toiletten an, sondern in den Köpfen“ – so brachte Professor Preobrashenski in Bulgakows Erzählung Hundeherz die sozialen Erschütterungen und Umwälzungen auf den Punkt. Die russische Gesellschaft versucht heute über die Normierung von Geschlechterrollen Identität zu stiften und findet dafür manchmal nicht nur in Bezug auf Homosexualität an den überraschendsten Stellen einen Aufhänger.

Was hat das mit einer Erzählung für Kinder aus der DDR zu tun, die der Schriftsteller Peter Hacks vor 40 Jahren schrieb? Wie sich für uns herausstellte, kann man das Thema der Metamorphose oder auch der Metamorphosen sehr weitläufig interpretieren. Man muss nur einmal eine entsprechende Untersuchung durchführen und wird merken, dass die Hälfte des kulturellen Erbes nicht den heutigen Moralvorstellungen entspricht. Und was kann denn amoralischer sein als diese ganzen heidnischen Abscheulichkeiten der Antike? Nicht nur, dass man sich damals nicht auf „traditionelle“ sexuelle Beziehungen beschränkte, nein – dort gab es solche Abweichungen, dass einem die Haare zu Berge stehen. Und Ovid hat eine Sammlung aller möglichen solcher Abweichungen erstellt.

All das im Kopf zusammen mit der fehlenden klassischen Bildung (im wahrsten Sinne dieses Wortes) und noch multipliziert mit den neuen gesetzgeberischen Initiativen, ausgehend von den Ufern der Newa, führt eben zur Zerrüttung in den Köpfen. Und dabei passiert das in frischen und jungen Köpfen, wo man noch wenig Vorstrukturiertes erwarten würde.

Drawing of parts of the human brain by Leonardo da Vinci wikimedia commons
Drawing of parts of the human
brain by Leonardo da Vinci wikimedia commons

Die andere Wirklichkeit holte uns da ein, wo wir überhaupt nicht damit gerechnet hatten: bei der Aufstellung des Budgets! Wir machten uns ans Rechnen und bereiteten Anfragen vor, um bei russischen Programmierern – Freelancern und Firmen – Angebote einzuholen. Fürs bessere Verständnis schrieben wir ein Storyboard für die Meta Morfoß App, in dem die ganze Geschichte Seite für Seite aufgeteilt ist und alle Szenen und handelnden Figuren genau beschrieben und benannt sind.

In der Erzählung hat das Mädchen Meta, die Hauptperson, eine Tante namens Maffrodit. Herr Maffrodit. Diese strickt gern und hat einen Schnurrbart. Wir hätten wohl auf der Hut sein sollen, aber wir hatten einfach Spaß und sprachen über das feine Spiel mit den Bedeutungen und Hacks’ Phantasie. Nachdem wir fünf Anfragen versendet hatten, warteten wir. Und es dauerte nicht lang: „Hallo Nick! Wir haben alles gelesen. Wir sind absolut intolerant gegen Hermaphroditen und ähnliches, niemand im Team will etwas mit so einem Projekt zu tun haben …“

Mosaic of Hermaphroditus, North Africa, Roman period, 2nd-3rd century AD wikimedia commons
Mosaic of Hermaphroditus, North Africa, Roman period,
2nd-3rd century AD wikimedia commons

Wenn Hermes und Aphrodite gewusst hätten, dass ein Petersburger Team von App-Programmierern ihrem Sohn gegenüber intolerant ist – welch schreckliches Schicksal hätte diese wohl ereilt? Und solche „Kenner“ der antiken Mythologie gibt es in Russland viele.

Ist es wirklich möglich, dass ein interaktives Buch über Meta Morfoß, die sich in alles Mögliche verwandeln kann, für verwerflich gehalten wird?