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Uljana Wolf: „Schreiben und Übersetzen heißt, sich Meta-artiges Desaster einzuladen“

Die Schriftstellerin, Lyrikerin und Übersetzerin Uljana Wolf erzählt im Interview mit Daktylos Media über ihre Beziehung zu der Erzählung Meta Morfoß von Peter Hacks, über die Frösche in den Texten und den Einfluss der digitalen Medien auf das Schreiben. Uljana Wolf hat gemeinsam mit Josepha Conrad Meta Morfoß für unsere erste Kinderbuch-App ins Englische übertragen.

Daktylos Media (DM): Liebe Uljana, nachdem wir dich für die Übersetzung der Erzählung Meta Morfoß von Peter Hacks ins Englische angefragt hatten, haben wir uns riesig über deine schnelle Zusage gefreut und danken dir noch einmal herzlich dafür! (Und vielen Dank auch an die freie Lektorin Meike Herrmann, die uns diesen Tipp gab.)
Erzähl, wie kam es denn zu deiner schnellen Entscheidung dafür?

Uljana Wolf (UW): Meta Morfoß war eines meiner liebsten Kinderbücher, ein gelbes Trompeterbuch mit blauem Rücken und herrlich widerspenstigen Illustrationen von Gisela Neumann. Es steht noch immer in meinen Bücherschrank, wandert und verwandelt die umstehenden Bücher dabei nicht wenig mit. Ich fand die Möglichkeit sofort großartig, Metas Geschichte ins Englische zu bringen und damit auch meinen Freunden und ihren Kindern zugänglich zu machen.

Meta Morfoß. Trompeterbuch-Ausgabe des Kinderbuchverlags Berlin  von 1986. Neu aufgelegt 2008 vom Beltz Verlag.
Peter Hacks: Meta Morfoß.
Illustrationen von Gisela Neumann
Trompeterbuch-Ausgabe
des Kinderbuchverlags Berlin von 1986
Neu aufgelegt 2008 vom Beltz Verlag.
Trompeterbuch-Ausgabe
Trompeterbuch-Ausgabe

DM: Welche Rolle spielt Meta Morfoß in deinem Leben?

UW: Welche Rolle spielt ein Mädchen, das sich in Muscheln, Dampfloks und zähnefletschende Krokodile verwandeln kann? Das eine schnurrbärtige Tante namens Herr Maffrodit hat? Im Ernst? Meta ist die Alternative zu Transformers, ohne die üblich moralische Kämmung der Wirklichkeit. Es ist eine Geschichte darüber, wie man dem Zwang zur Eindeutigkeit entkommen kann – und soll; wie man vieles und anders sein kann – Mädchen und wütend, Tante und Herr, Engel und Krokodil. Verwandlungsfähig ist eigentlich das Gegenteil von wandlungsfähig, was gemeinhin mit Anpassung assoziiert wird. Aber Meta passt sich nur ihren wunderbaren Versionen der Wirklichkeit an, kein Wunder, dass auch Einstein auftaucht. Peter Hacks spielt das alles mit einem feinen trockenen Humor durch, mit comic timing und Spottsprengseln gegen wirkliche oder selbsternannte Autoritäten, die meinen, uns Identitäten verpassen zu müssen.

Uljana Wolf. Foto: Timm Kölln
Uljana Wolf. Foto: Timm Kölln

DM: Wie gestaltete sich der Übersetzungsprozess für die englische Version von Meta Morfoß, worauf bist du gestoßen, was hast du mitgenommen? Hat das Wissen, dass dein Text für eine Kinderbuch-App sein soll, beim Übersetzen eine Rolle gespielt?

UW: Ich habe zwei Durchgänge ins Englische übersetzt, den dritten Durchgang hat die Musikerin und Autorin Josepha Conrad a.k.a. Susi Asado übernommen, die vierten haben wir zusammen gemacht. Josepha ist Muttersprachlerin, was besonders im Hinblick auf die komischen Effekte der Sprache ganz wichtig war. Zum Beispiel spricht der unbeholfene Räuber sehr unbeholfen und ist darum gar nicht gefährlich („Hände hoch, sonst wird geschossen“) – da muss man im Englischen mit einem Gefühl für das Ausgelassene und Sprachverpasste spielen, bis es den gleichen Effekt hat.

Das Medium, in das wir übersetzen, hat keinen Einfluss auf die Übersetzung gehabt – bis auf das Wissen, dass jeweils Schlüsselwörter die Animationen in Gang setzen, die wir möglichst beibehalten wollten. Da sich das deutsche und das englische Sprachsystem relativ ähnlich sind, stellte das kein großes Problem dar.

DM: Du bist Lyrikerin, Schriftstellerin und Übersetzerin. Wie wird man „das“? Welche Rolle spielt das Lesen?

UW: Die amerikanische Dichterin Marianne Moore, die übrigens in der gleichen Straße in Brooklyn lebte, in der ich Meta übersetzt habe, sagte einmal: Gedichte sind imaginäre Gärten, in denen echte Frösche leben. Das könnte man genauso über alle guten Bücher sagen – und es ist der Vorgang des Lesens, der jene Frösche wirklich und lebendig macht, genauso wie der Leser vom Lesen verwandelt wird, vervielfacht, es ist ein beidseitiges Verwandlungsverhältnis. Man vergisst ja viel zu oft, dass die Bücher nicht dieselben bleiben, dass sie durch uns genauso wandern, und hier meine ich nicht, dass sie sich in kleine widerspenstige Mädchen verwandeln können, wie am Ende von Peter Hacks’ Geschichte. Marianne Moore schreibt übrigens toad und nicht frog, also eigentlich leben in ihren Gärten Kröten. Vielleicht hätte ich Kröten schreiben sollen, aber das Wort liegt mir schwer im Ohr, außerdem hocken Kröten immer auf irgendwelchen Eingängen, dabei geht es hier um Offenheiten. Und auch darum bin ich Übersetzerin geworden, weil die Sprachen und unsere in ihnen vermittelten Wirklichkeiten keine eindeutigen Beziehungen abbilden, sondern vielfältig und durchlässig sind, weil man ihre Wirklichkeiten ändern kann. Wenn ich Frösche schreibe, lade ich nämlich eine ganz andere Verwandlungsgeschichte ein, in der auch ein Mädchen wütend ist und einen selbst ernannten Prinzen an die Wand klatscht. Warum nicht? Schreiben und Übersetzen heißt, sich Meta-artiges Desaster einzuladen, Verwandlungen und Abschiede zu üben.

DM: Und noch mehr übers Lesen. Unsere Meta Morfoß App soll Kinder über die Faszination für Technik, nämlich Tablets, fürs Lesen und für Literatur begeistern. E-Books und Apps erobern den Markt. Wie sind deine Eindrücke der Entwicklungen in der Buchbranche? Wohin entwickelt sich das Lesen heute deiner Meinung nach hin?

UW: Ich kann wenig von den Entwirklichungen der Branche berichten und meine Tochter ist noch nicht alt genug, um ein Tablet zu bedienen. Zwei Fehler in diesem Satz und ich tat nur einen, mein Autokorrektur für den anderen dazu. Ich begrüße alle Entwicklungen, die Autokorrekturverhalten entgegen wirken, in allen Medien – und Lesen, sich Literatur erobern, egal auf welchem Gerät, gehört erst einmal dazu.

DM: Und von deiner Warte als Lyrikerin und Schriftstellerin aus: Wie verändert sich das Schreiben durch die neuen digitalen Medien? Welchen Einfluss haben sie auf dein Schreiben?

UW: Als Übersetzerin interessiert mich zum Beispiel, wie die Auslagerung von Wissen in Clouds und Schwarmintelligenzen (crowd / crow?) Entscheidungen beim Übersetzungsprozess verändern kann. Und zwar in vieler Hinsicht: ich kann sehr viel rascher unendlich viele culture codes nachschlagen, ohne mich vom Fleck zu bewegen, ich kann über Facebook bei Muttersprachlern oder anderen Übersetzern Hilfe bei obskuren Stellen erfragen. Gleichzeitig gibt es eine größere Bereitschaft auf der Seite von Lektoren, Verlagen und Lesern, Fremdheit zu belassen, sie nicht erklärt oder eingedeutscht haben zu wollen, weil man kann das ja googeln. Das ist gut, es bringt Übersetzungen als komplexe durchlässige Texturen voran.

DM: Vielen Dank für das Interview!

Das Crowdfunding für die Meta Morfoß App läuft noch bis zum 20. April 2014. An alle Literaturliebhaber*innen, Leseratten und App-Geeks: Unterstützt die Meta Morfoß App www.startnext.de/meta-morfoss-app!